Ode an Alfred Adler: Gleichwertigkeit, Gemeinschaft und der Mut, neu zu entscheiden


Ein Blogbeitrag über einen Denker, der heute aktueller ist denn je
Es gibt Menschen, deren Gedanken man zum ersten Mal begegnet und sofort das Gefühl hat: Genau so ist es. Bei mir war das Alfred Adler. Sein Menschenbild hat etwas Warmes, Klares und Zugewandtes, und es traut uns etwas zu. In einer Zeit voller Verunsicherung, Polarisierung und Selbstoptimierung empfinde ich das als ein Geschenk. Deshalb möchte ich ihm heute eine kleine Ode widmen.
Wer war Alfred Adler?
Alfred Adler wurde 1870 als Sohn einer jüdischen Familie in Rudolfsheim bei Wien geboren und starb 1937 in Aberdeen, mitten auf einer Vortragsreise. Als Kind litt er an Rachitis und überstand mit vier Jahren eine schwere Lungenentzündung. Er erlebte am eigenen Leib, was es heißt, sich klein und schwach zu fühlen, und wurde Arzt.
Nach seinem Medizinstudium wandte er sich der Psychologie zu und gehörte zum Kreis um Sigmund Freud, nicht als Schüler, sondern als Kollege. Während Freud seelisches Leid vor allem aus Trieben und Erlebnissen der Vergangenheit erklärte, fragte Adler nach Zielen, Minderwertigkeitsgefühlen und Zugehörigkeit. Er begegnete den Menschen auf Augenhöhe und verzichtete in der Therapie auf die Couch; stattdessen stellte er zwei Stühle auf. 1911 trennten sich ihre Wege, und Adler begründete die Individualpsychologie. Der Name meint dabei nicht Egozentrik, sondern das Unteilbare (lat. individuum) des Menschen: Wir sind ganze Menschen, die sich nicht in Triebe, Instanzen und Einzelteile zerlegen lassen.
Adler blieb nicht in der Theorie. Im Rahmen der Wiener Schulreform eröffnete er mit Mitarbeitenden rund dreißig Erziehungsberatungsstellen, um Eltern, Lehrkräfte und Kinder ganz praktisch zu unterstützen. Ab 1927 lehrte er als Gastprofessor in den USA. 1934 wurden seine Beratungsstellen geschlossen, und angesichts der bedrohlichen Lage in Europa, auch für Menschen jüdischer Herkunft, verlegte er seinen Lebensmittelpunkt dorthin. Die politische Gewalt der 1930er Jahre traf auch die Individualpsychologie schwer. Seine Ideen wirken bis heute in Pädagogik, Beratung, Therapie und Coaching nach.
Gleichwertigkeit: Ein Gedanke, der nie aus der Mode kommt
Was mich an Adler zuerst begeistert, ist seine Haltung zur Gleichwertigkeit. Für ihn war jeder Mensch grundsätzlich gleichwertig, unabhängig von Herkunft, Leistung, Status oder Geschlecht. Unterschiede gibt es selbstverständlich, aber sie bedeuten keine Rangordnung des Menschseins.
Das war für seine Zeit radikal, besonders mit Blick auf Frauen. Damals galt es als selbstverständlich, dass Frauen den Männern unterlegen seien. Adler widersprach: Der Mythos von der Minderwertigkeit alles Weiblichen entmutigt Frauen und Männer gleichermaßen. Dazu passt sein Umfeld: Seine Frau Raissa Epstein, eine politisch engagierte, freigeistige Russin, lernte er in einer sozialistischen Studentengruppe kennen, und seine Tochter Alexandra wurde eine der ersten Neurologinnen.
Gleichwertigkeit heißt bei Adler übrigens nicht Gleichmacherei, sondern Begegnung auf Augenhöhe. In der Erziehung bedeutet das zum Beispiel: Kinder sind keine kleinen Untergebenen, die man dressiert, sondern Menschen, die man ernst nimmt und begleitet.
Ich und Gemeinschaft: Kein Gegensatz
Ein weiterer Gedanke, den ich an Adler schätze, ist sein Begriff des Gemeinschaftsgefühls. Er beschreibt damit das Gefühl der Verbundenheit mit anderen Menschen und das Interesse an ihrem Wohlergehen. Für Adler war es zentral für seelische Gesundheit. Dazu gehört auch der Wunsch, mit anderen zusammenzuarbeiten, zum Wohl aller. Adler lebte das selbst: In seinen Beratungsstellen arbeiteten Ärzt*innen und Pädagog*innen gemeinsam. Gerade Zusammenarbeit kommt heute oft zu kurz.
Das Besondere daran ist, dass hier kein Entweder-oder entsteht. Ich muss mich nicht zwischen mir und den anderen entscheiden. Wer sich als Teil eines Ganzen erlebt, kann gerade deshalb mutig er selbst sein. Und wer sich nur um sich selbst dreht, wird selten glücklich. Adler sah die großen Lebensaufgaben (Arbeit, Liebe, Gemeinschaft) immer als Aufgaben, die wir im Miteinander lösen.
In einer Zeit, in der Vereinzelung, Vergleich und digitale Selbstinszenierung oft den Ton angeben, erscheint mir das als eine wohltuende Gegenstimme.
Nicht determiniert: Du kannst neu entscheiden
Freud ging von einem psychischen Determinismus aus: Nichts im Seelenleben geschieht zufällig, alles Erleben und Handeln geht auf unbewusste innere Kräfte zurück, die sich oft in der frühen Kindheit gebildet haben. Adler widersprach ausdrücklich: Weder Vererbung noch Umwelt bestimmen, wie ein Mensch zum Leben steht. Die Anlagen geben ihm nur Fähigkeiten, die Umwelt nur Eindrücke, und beide wirken allenfalls als Wahrscheinlichkeit mit. Entscheidend ist die Bedeutung, die er seinen Erfahrungen gibt, denn damit formt er mit seiner schöpferischen Kraft seinen Lebensstil. Deshalb fragte Adler weniger „Woher kommt das?“ als „Wozu, mit welchem Ziel?“, ohne die Vergangenheit je auszublenden. In der Adler-Literatur nennt man das einen weichen Determinismus oder Selbstbestimmung. Für mich heißt das: Wir sind geprägt, aber nicht festgelegt.
Das heißt nicht, dass alles leicht ist oder dass man sich nur genug anstrengen müsse. Es heißt, dass wir handlungsfähig bleiben, zu jeder Zeit. Man darf sich heute neu entscheiden. Man darf eine alte Überzeugung, die einen klein hält, hinterfragen. Man darf anfangen, auch wenn man spät dran ist. Für mich liegt darin eine tiefe Würde und eine große Hoffnung.
Ermutigung als Haltung
Und dann ist da noch die Ermutigung, vielleicht das Herzstück von Adlers praktischem Wirken. Entmutigung sah er als Wurzel vieler Probleme, bei Kindern wie bei Erwachsenen. Wer den Mut verloren hat, zieht sich zurück, wird aggressiv oder versucht, sich über andere zu erheben. Das Gegenmittel ist Ermutigung: Vertrauen schenken, Fortschritte sehen, Fehler als Lernchancen begreifen.
Ermutigen heißt zu sagen: Ich traue dir etwas zu. Du gehörst dazu. Du darfst Fehler machen. Wie anders würden Schulen, Familien, Teams und Debatten aussehen, wenn das unsere Grundhaltung wäre.
Adlers Gedanken wurden weiterentwickelt: Sein Schüler Rudolf Dreikurs prägte den „Mut zur Unvollkommenheit“, den Mut, Fehler zu machen, ohne den eigenen Wert in Frage zu stellen, und Theo Schoenaker hat das Ermutigen später zum Schwerpunkt seiner Arbeit gemacht. Ich bin dankbar, mit dieser Linie arbeiten zu dürfen.
Warum Adler heute?
Wenn ich mich umschaue, sehe ich viel Leistungsdruck, Spaltung und Ohnmachtsgefühle. Adler lädt uns ein, einen anderen Blick einzunehmen:
Gleichwertigkeit statt Hierarchie und Abwertung
Verbundenheit statt Vereinzelung
Handlungsfähigkeit statt Schicksalsergebenheit
Ermutigung statt Beschämung
Vieles davon stützt die Forschung heute:
Zugehörigkeit ist ein Grundbedürfnis. Baumeister und Leary werteten 1995 die Literatur aus und fanden, dass das Bedürfnis nach stabilen Beziehungen eine grundlegende Motivation ist und dass fehlende Bindungen mit Nachteilen für Gesundheit und Wohlbefinden einhergehen. Eine Auswertung von 148 Studien mit über 300.000 Menschen zeigte einen deutlichen Zusammenhang zwischen sozialen Beziehungen und Langlebigkeit: Menschen mit stärkeren sozialen Beziehungen starben im Beobachtungszeitraum seltener (Holt-Lunstad et al., 2010). Zugehörigkeit ist heute ein gut erforschtes Feld.
Belastung ist kein Schicksal. Das passt zu Adlers weichem Determinismus: Der Resilienzforscher George Bonanno fand, dass nach potenziell traumatischen Ereignissen die Hälfte der Menschen oder mehr widerstandsfähig bleibt.
Natürlich ist Adlers Werk nicht ohne Kritik. Manche Begriffe sind heute veraltet, und manches konnte die Forschung nicht bestätigen (etwa seine Thesen zur Geschwisterreihenfolge). Aber seine Grundhaltung hat ihre Kraft nicht verloren, im Gegenteil.
Danke, Alfred Adler, für ein Menschenbild, das Mut macht.




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